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Kalendergeschichte Oktober 2019

RSSPrint

Spannende Zeit im Schwedenheim

Mein Aufenthalt im Schwedenheim von Anfang September bis Anfang Oktober 1956 hat mich in verschiedener Weise stark geprägt, und ich habe immer viel an diese Zeit zurückgedacht!

Die dort gemachten Erfahrungen waren für mich einerseits etwas schmerzlich, da meine 43 Jahre ältere und gesundheitlich nicht stabile Mutter sich über diese Erholungsmöglichkeit sehr gefreut, sich aber nicht richtig informiert hatte, dass diese vier Wochen die Trennung von ihrem (Einzel-) Kind bedeuteten. Ich war vier, hatte am Ende des dortigen Aufenthalts meinen fünften Geburtstag.

Für mich waren diese vier Wochen, in denen man seine Mutter nur am Sonntag Nachmittag zwei Stunden sehen konnte, eine völlig unerwartete Situation!

Wir – auch mein Vater durfte dazu kommen – machten an diesen Sonntagen dann immer einen Spaziergang am Schlachtensee. Meine Eltern erzählten später, dass ich mich dabei nicht von ihnen an die Hand nehmen lassen wollte aus Angst, in Weinen auszubrechen, weil ich wusste, dass wir uns bald wieder voneinander trennen müssten. Lieber wollte ich zu ihnen Abstand halten … Soweit die schmerzliche, aber für ein etwas verzärteltes Einzelkind auch interessante, lehrreiche Erfahrung!

Andrerseits habe ich im Positiven tief bewegende Erinnerungen: Die Spiele und Reigentänze mit den anderen Kindern im Garten und auf einem großen Balkon, Spaziergänge im Herbstlaub, vor allem aber die abendliche Zeremonie zur „Guten Nacht“. Wir haben viel gesungen (mein Lieblings-Abendlied seit dieser Zeit: „Der Mond ist aufgegangen“), gebetet, Geschichten gehört, und mitunter kam Herr Ansorge, der Chef des Schwedenheims, zum Gute-Nacht-Sagen. Diese Zeremonien waren ganz andächtig und innerlich und haben mich tief berührt.

Zeitweilig wurden wir Kinder begleitet von einer jungen schwedischen Erzieherin, die wir besonders lieb fanden. Ein Ereignis bleibt mir unvergesslich: Wir spielten mit ihr auf dem Dubrow - Platz und sie hatte dazu ihren hellen Trenchcoat auf einem Baumstumpf abgelegt. Als sie ihn wieder aufnahm, musste sie feststellen, dass er etwas von einem Hundehaufen abbekommen hatte – sie hatte diesen vorher im Gras nicht bemerkt. Das schnitt mir richtig ins Herz, und ich glaube, den umstehenden Kindern auch … Diese junge Schwedin hatte ein so liebes Wesen, dass uns das wehtat, als wäre es uns selbst passiert.

Über all dies hinaus hat mich die Zeit im Schwedenheim aber noch in besonderer Weise geprägt, weil ich dort meine gute Freundin fand, zu der ich bis heute Kontakt habe! Sie war dort mit ihrer kleinen Schwester, die noch nicht ganz drei Jahre alt war. Wir drei waren uns sofort sympathisch und versuchten immer, etwas zusammen zu machen. Unabhängig und unwissend davon befreundeten sich auch unsere Mütter im Mütterhaus miteinander.

Meine Freundin Birgit, die sehr tatkräftig und unternehmungslustig war, nahm eines Tages einfach ihre kleine Schwester an die eine Hand und mich an die andere und sagte: „Wir gehen jetzt zu unseren Müttern !“ Sie wisse, wo die Mütter wohnen … Und tatsächlich, so war es! Sie klingelte dort, aber dann kam die Enttäuschung: Die Regeln wurden unerbittlich eingehalten, unbeeindruckt von dieser Leistung einer Vierjährigen, vertröstete man uns auf den nächsten Sonntag und schickte uns zurück ins Kinderhaus.

Nach der Zeit im Schwedenheim trafen sich unsere Mütter noch einige Male, worüber wir Kinder uns sehr freuten, langsam verloren wir uns aber aus den Augen, weil ich auf die Wannseer Grundschule kam und Birgit auf die Zehlendorfer Westschule. Wir trafen uns aber – völlig unerwartet – wieder in der 7. Klasse der Dreilinden-Oberschule. Das war eine Überraschung! Und daraus wurde eine lebenslange Freundschaft …

Von Cornelia Doms

Letzte Änderung am: 07.04.2019